Dolomiten und mehr – Eine Herbsttour

Der Sommer 2018 war ja zumindest für Motorradfahrer klasse. Mich hat es aber dennoch gejuckt für den sogenannten Saisonabschluss (ok, eigentlich bin ich Ganzjahresfahrer 😉 ) noch eine schöne Tour zu planen. Rausgekommen ist eine kleine, aber feine Herbsttour à la „Dolomiten und mehr“ … 6 Tage mit leichten „Umwegen“ auf dem Weg von Bonn via München nach Mailand und dann retour nach Deutschland.

volle Distanz: 2728.38 km
Maximale Höhe: 2860 m
Minimale Höhe: 59 m
Gesamtanstieg: 51296 m
Gesamtabstieg: -50943 m
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Auftakt – Anreise nach München

Los ging es im Anschluss an den Besuch der Intermot, die ich mir dieses Jahr erneut als Pflichttermin vorgemerkt hatte. Für den ersten Tag stand die Anreise nach München auf dem Programm. Den ersten Teil dieser Etappe hatte Friedhelm organisiert. Angesichts eines Feiertages haben Friedhelm, Andreas und ich die „Gunst der Stunde“ genutzt. Wir hatten uns schon viel zu lange nicht gesehen und eine gemeinsame Tour durch das Siebengebirge sowie den Nieder- und Oberwesterwald  bis nach Limburg an der Lahn geplant. Da die Beiden noch am gleichen Tag zurück wollten und ich weiter mach München musste, haben wir uns nach einem kleinen, ziemlich windigen Picknick getrennt.

Vorgenommen hatte ich mir eine reine Landstraßen-Tour bis nach München für die zweite Etappe des Tages. Den Auftakt machte die B8 bis kurz nach Bad Camberg. Den südöstlichen Großraum Frankfurt wollte ich teilweise umfahren, teilweise auf kleinen Strecken kreuzen, jedenfalls keine Autobahn! Dennoch war die Strecke bis Aschaffenburg nicht die fahrerische Offenbarung. Nach Verlassen der B469 und dem Wechsel auf kleine Straßen, wurde es jedoch deutlich attraktiver. An Crailsheim und Donauwörth vorbei ging es weiter Richtung Augsburg. Hier musste ich aufgrund der schon arg fortgeschrittenen Zeit jedoch demCredo „keine Autobahn“ untreu werden und die letzten Kilometer bis zum Hotel effizienter, wenngleich aus Motorradfahrersicht nicht effektiver, absolvieren.

 

Der Spaß fängt an

Ein Tag München mußte reichen – die CB und die weitere Strecke riefen! Vor allem, weil ab hier der Spaß erst so richtig anfangen sollte. Am Ammersee und Starnbergersee vorbei wollte ich die Gunst der Stunde nutzen und zwischen Kochel- und Walchensee hindurch fahren – die ehemalige Bergrennstrecke Kesselberg wartete darauf, erkundet zu werden. Es war Freitag und auch die Rennleitung hatte nichts gegen diesen Versuch einzuwenden (die Strecke ist an Wochenenden sowie an Feiertagen in Nord-Süd-Richtung für Motorradfahrer gesperrt). Zum Glück hatte sich auch der bei München noch ziemlich dichte Bodennebel verzogen und Platz für einen ausgiebigen Kurvenrausch bei bestem Wetter und vor allem absolut keinem Verkehr gemacht 🙂

Ab Wallgau zog es mich an der wilden Isar entlang über die landschaftlich sehr schöne aber leider kostenpflichtige Mautstraße Wallgau – Vorderriß. Für Schnellfahrer nicht geeignet, ist sie für Genießer mit Zeit für ein paar Pausen sehr zu empfehlen. Ich wollte aber noch zum türkisblauen Wasser des Sylensteinsees und dann weiter Richtung Österreich durch den Achenwald zum Achensee. Endziel des Tages war das Zillertal.

Einfach nur in das Zillertal zu fahren reichte mir aber nicht; ein paar Highlight waren noch notwendig. Vorgemerkt waren noch für diesen Tag die Zillertaler Höhenstraße in den Tuxer Voralpen. In einer Höhenlage von 1700 bis 2100 Metern bietet die Panoramastraße vor allem in Nord-Süd-Richtung einen beeindruckenden Blick auf die Zillertaler Berge.

Panorama Zillertaler Höhenstraße

Immer noch nicht zufrieden hatte ich das nahezu unstillbare Bedürfnis nach mehr Kurven und Panoramen. Daher mußten – wenn ich schon da bin – die Tuxer Gletscherstrasse nach Hintertux und die Schlegeis Alpenstraße zum gleichnamigen Speicher unter die Räder genommen werden. Erstere war nicht wirklich spannend, zweitere definitiv die drei Sterne in Denzels Großer Alpenstraßensführer wert. Apropos Denzel: Ich weiß zwar, dass es wahrscheinlich nicht möglich ist, dennoch versuche ich absolut jeden Eintrag mindestens einmal anzufahren und wollte natürlich auch bei dieser Tour weitere Punkte abhaken.

Zurück im Tal habe ich in Zell am Ziller übernachtet. Nach dieser Tour war ich dann schon froh, auf dem Balkon zu sitzen und völlig tiefenentspannt im Sonnenuntergang mein Bier zu genießen.

Artgerechte Haltung

Nach der gestrigen Einstimmung war offensichtlich, dass wir endlich im natürlichen Habitat der akut vom Aussterben bedrohten Gattung Luft-/Öl-gekühlter Reihenvierer angekommen waren. Die artgerechte Haltung der CB konnte beginnen …

Anfangs ging es noch recht flach zurück aus dem Zillertal Richtung Inntal bzw. parallel zur Inntal Autobahn an Innsbruck vorbei. Erstes Ziel des Tages war die Hoadlstraße zum Olympia-Skigebiet Axamer Lizum. Gut zu fahren und 10% Steigung sind eine angenehme Art den Tag langsam zu beginnen. Als Sackgasse musste die Hoadlstraße auch für den Rückweg dienen, worüber ich ob der Verkehrsarmut nicht wirklich böse war. Über die L13 durch das Sellraintal wollte ich dann aber weitere Ecken erkunden. Zunächst stand das  schöne Panorama des 2017 m hohe Kühtaisattel auf dem Programm, der das Sellraintal und das Nedertal mit dem Ötztal verbindet.

Panorama am Kühtaisattel

Das reichte mir aber noch nicht – ich wollte noch höher hinaus, genauer auf 2829 m. Geplant hatte ich eine schöne, zu dieser Jahreszeit nahezu einsame und damit für mich bestens geeignete Runde nach Sölden und über die Ötztaler Gletscherstraße zum Rettenbachferner und zum Tiefenbachferner.

Der Rettenbachferner bzw. der dort gelegene Parkplatz sind zwar als höchster Straßenpunkt Österreichs und der Alpen gekennzeichnet, allerdings liegt ein Punkt auf der Verbindung zum Tiefenbachferner kurz vor dem Ende des ca. 1,8 km langen Rosi-Mittermeier-Tunnels sogar noch ein paar Meter höher. Der Tunnel ist damit zugleich auch Europas höchst gelegener Straßentunnel. Ein leichter Schneefall und etwas Hochnebel haben stellenweise zwar das Panorama beeinträchtigt, passten aber prächtig zum Stimmungsbild. Das ist halt das wechselhafte Wetter im Oktober in den Hochalpen. Erstaunt war ich jedoch von der lokalen Fauna … mit einem weißen Elefanten (oder soll das ein Mammut sein) hatte ich nicht gerechnet 🙂

Einmal in der Gegend bot es sich natürlich an, den Genuß auf weitere Höhen zu treiben. Zurück aus dem Ötztal mußte folgerichtig im Anschluß an einen kurzen Besuch der Pillerhöhe, die ich bereits beim Alpenglühen ein Jahr zuvor mit sehr guten Freunden erfahren hatte, das Kaunertal bzw. die am Gepatschstausee vorbei und zum Weißseeferner Gletscher auf 2750 m  führende Kaunertaler Gletscherstraße ebenfalls bewältigt werden. Sie zählt mit ihren 29 Kehren zu den schönsten Hochgebirgsstraßen der Alpen.

Nach so vielen Höhenmetern neigte sich der Tag zu Ende und ich mußte leider zurück in das Tal. Übernachtet habe ich dann bei Ried im Oberinntal in einen kleinen Aparthotel mit eigener Garage nur für die CB.

Auf nach Italien

Anfangs von den üblichen, herbstlichen Hochnebeln und leichter Bewölkung geprägt versprach laut Wettervorhersage der neue Tag jede Menge Spaß. Es sollte nun nach Italien gehen um endlich den Dolomiten näher zu kommen, nicht jedoch ohne ein paar Abzweigungen und Umwege.

Am Inn entlang und nach einem kurzen Abstecher auf die Spiesser Landstraße wollte ich  den auch im Oktober noch vorhanden Touristenverkehr in Richtungen Reschenpass auf der B180 vermeiden und bin statt dessen auf der schweitzer Seite an Vinadi vorbei nach Martina gefahren. Von dort ging es dann jedoch über ebenfalls schon beim Alpenglühen genutzte Norbertshöhe hinter Nauders doch auf die B180 und damit Richtung Reschenpass (Passo di Résia) und damit in den Vinschgau.

Obwohl die Verkehrsdichte erträglich war, stand mir mehr der Sinn nach Einsamkeit. Folgerichtig wollte ich die touristische Ostseite des Reschensee meiden und statt dessen das Westufer genießen, zumal dieses wunderbare Kurven und Möglichkeiten für kurze Abstecher offeriert. So bietet es sich beispielsweise an, nach ca. 1/3 der Uferstrecke weiter nach Westen zur SP102 in Richtung Sesvennagruppe auszuweichen und in das malerische Rojental zu fahren. Absolut einsam führt eine kleine Straße durch Heuwiesen bis zu einem der höchstgelegenen ganzjährig bewohnten Weiler der Alpen (Rojen). Kurz dahinter gibt es dann noch die Möglichkeit zum Schihaus Schöneben auf 2087 m abzuzweigen.

Zurück am Westufer und nach einer Vorbeifahrt am Haidersee (Lago della Muta) ging es Richtung Prato allo Stelvio. Ich wollte zwar nicht zum Stilfser Joch (das ebenfalls im Rahmen Alpenglühen schon dran war) aber bei Gomagoi ins Suldental bzw. in Richtung Innersulden abzweigen. Bevor es soweit war, hatte ich aber noch eine interessante Begegnung mit dem Schamanen am Stilfser Joch.

Der Schamane am Stilfser Joch

Bei der Auffahrt zum Stilfser Joch fiel mir in der Vorbeifahrt bei Prad ein seltsam dekoriertes Haus mit ziemlich schrägen Figuren auf. Das hatte mich so irritiert, das ich umdrehte und mir das ganze mal näher anschaute. Was ich gefunden hatte, war das Refugium des selbsternannten Schamanen und von anderen als „Prader Indianer“ titulierten Künstlers Lorenz Kuntner, der aus allen möglichen Dingen, die er in der Natur findet oder die als Reste der Zivilisation in Konzept passen,  seine Werke schafft und in einem Freilichtmuseum ausstellt. Für einen Eintritt von 1 Euro hatte ich dort eine nette und abwechslungsreiche Pause.

Erst im Nachgang habe ich erfahren, dass Lorenz Kuntner durchaus (lokal) berühmt ist. Der frühere Geschäftsführer eines Einrichtungshauses in der Schweiz lebt hier in der Nähe der Ortler-Gruppe und vertreibt neben seinen Kunstwerken auch selbst hergestellte Marmeladen etc. Neben diversen Youtube-Filmen gibt es z.B. bei Amazon eine u.a. zusammen mit dem italienischen Fernsehen entstandene filmische Dokumentation über ihn, die für Prime-Kunden (oder während des kostenlosen Testzeitraumes) zumindest derzeit kostenlos ist.

Weiter in Richtung Dolomiten

Im Anschluß an diese kulturelle Bereicherung führte der Weg zunächst ins Suldental bzw. in Richtung Innersulden, der beim Anstieg häufig vom Anblick des Ortlers geprägt ist. Zurück von diesem Abstecher wurde der Nationalpark Stilfserjoch nördlich umfahren bevor zügig der nächste Abstecher, diesmal in das Martelltal, anstand.

Das romantische Martelltal ist eines der schönsten Täler des Vinschgau, zumindest für Motorräder gut befahrbar und führt an einigen Stellen mit einer Steigung von 14 % bis zu 18% (je nach Quelle) auf 2051 m. Auf halber Strecke begegnet man noch dem Marteller Stausee, der auch als Zufrittsee (Lago di Gioveretto) bekannt ist. Aufgrund des großen Höhenunterschiedes werden dabei fast alle Klima- und Vegetationsstufen durchfahren. Für mich bedeutete das allerdings, das ich leider etwas Nieselregen hatte. Nicht genug für die Regenkombi, aber doch nervend. Zum Glück sollte es der einzige Regen bleiben, der zudem auch bald aufhörte.

Die weitere Strecke dieses Nachmittags führte mich dann zunächst Richtung Meran, das ich südlich umfuhr, mit einem Abstecher nach Hafling weiter über die SP98. Bei der Abzweigung zur SP 99 folgte ich dann der Strecke zum Hochplateau Salten beim Tschögglberg und nach Jenesien (San Genesio Alesino). In diesem Bereich liegen die steilsten Straßen Südtirols, aber auch die entschärfte Abfahrt der SP 99 in Richtung Bozen lohnt sich uneingeschränkt aufgrund der sehr schönen Sicht auf die Dolomiten.

Bozen hatte ich zwar als Ausgangspunkt für die eigentliche Tour in den Dolomiten am nächsten Tag ausgesucht. Immer noch nicht erschöpft und ausgereizt genug, mußte aber noch eine kleine Abschlußrunde nördlich von Bozen sein. Übernachtet habe ich dann in Lengmoss bei Bozen in einem Hotel, dass offensichtlich bekannt bei Motorradfahrern ist und einen guten Ausgangspunkt für Touren in den Dolomiten bietet. Jedenfalls waren zu dem Zeitpunkt zwei große Gruppen mit insgesamt geschätzt 60 Bikern vor Ort. Der Abend an der Bar war gesichert 🙂

Ein letzter Blick des Abends vor dem Bier auf die Wettervorhersage versprach durchgehende 20 – 22° C und bis zu 11 Stunden Sonne pro Tag für die folgende Strecke. Genau die richtigen Voraussetzungen für die Dolomiten und vielleicht etwas unfair gegenüber den in der Heimat verbliebenen Freunden, die bereits nasskaltes Herbstwetter „genießen“ mußten. Aber diese sofort noch per WhatsApp darüber zu informieren konnte ich mir einfach nicht sparen –  und ein schlechtes Gewissen hatte ich auch nicht 🙂

 

Endlich in den Dolomiten

Die Wettervorhersage war tatsächlich korrekt, so dass es am nächsten Tag nach einem ausgiebigen Frühstück endlich in die Dolomiten ging. Zum Auftakt sollte es über die Rosengartenstraße am Naturpark Schlern-Rosengarten vorbei über den Nigerpass (Passo di Nigra) und den Karerpass (Passo di Costalunga) zur SS48 führen. Über diese wollte ich nach Canazei und von dort die Sellarunde (Sella Ronda) beginnen.

Die Tour um die Sella-Gruppe ist berühmt und berüchtigt, da vier der schönsten und anspruchsvollsten Pässe der Dolomiten auf einer Strecke von ca. 50 km absolviert werden. Leider ist diese Runde aufgrund der Streckenführung und der wundervollen Aussicht hoffnungslos von Bussen, PKW, Wohnmobilen, Radfahrern sowie auch Motorrädern überfüllt. Eine anfangs im Rahmen des Projekts Dolomites Vives angestrebte Vollsperrung wurde zwar nicht realisiert, aber eine Verkehrsreduzierung von mindestens 20% wurde durch eine verpflichtende Anmeldung und Limitierung auf 200 (vormittags) bzw 150 (nachmittags) Fahrzeuge pro Stunde im Zeitraum 23. Juli bis 31. August 2018 angestrebt. Eine endgültige Regelung soll 2019 definiert werden.

Mir konnte das alles aber egal sein. Anfang Oktober gab es weder eine Sperre, noch eine Limitierung und vor  allem …. keinen Verkehr !

Ich wollte die Sellarunde im Uhrzeigersinn befahren und wählte den Einstieg bei Canazei  auf 1465 m. Ab hier geht es zu Beginn über einige weite Schleifen, später diverse engere Kehren zum Sellajoch (Passo Sella); insgesamt 23 Kilometer mit 32 Kehren und eine super Aussicht auf das Hochgebirge inklusive. Auf der Nordseite schlossen sich auf der Strecke von Wolkenstein nach Colfosco über das Grödner Joch (Passo Gardena) weitere 34 Kehren an – Langweilig geht sicher anders!

Etwas ruhiger war dann das anschließende, kurvenarme Segment von Corvara über den Campolungosattel (Passo di Campolongo), der genau auf der Grenze von Venetien und Trentino/Südtirol liegt, nach Arabba. Ab hier war es aber wieder mit der Erholung vorbei und 33 spannende Spitzkehren hoch zum Pordoijoch (Passo Pordoi) sowie zum Abschied 27 Kehren hinunter führten zum Ausgangspunkt zurück. Gespickt wurde das ganze mit weiteren tollen Aussichten auf die Landschaft und das Sella-Massiv. Leider waren jedoch stellenweise die Berge wolkenverhangen. Spaß hat es trotzdem gemacht.

Dermaßen aufgewärmt wählte ich nach der Rückkehr nach Canazei die SS 641 zum Fedaia-Stausee inklusive eines obligatorischen Fotostopps, um die wunderbare Aussicht auf die stellenweise schneebedeckte Marmolata (höchster Berg der Dolomiten) einzufangen, sowie im direkten Anschluss zum Fedaiapass (Passo di Fedaia). Bevor es für den Nachmittag ins Trentino gehen sollte, wollte ich noch etwas vom venetischen Teil der Dolomiten sehen. Die geplante Route führe daher über Selva di Cadore und Villagrand zum Staulanzapass (Forcella Staulanza / Passo Staulanza) und weiter zum Passo Duran, einem weniger bekannten, dafür oftmals schmalen, kurvenreichem Pass. Daran schloss sich ab Agordo die Strecke zum Vallespass (Passo di Valles) an, der im südwestlichen Teil des Nationalparks Paneveggio liegt und kaum Verkehr aufweist. Auf seinem Scheitelpunkt befindet sich auf 2032 m eine Gaststätte, die sich zu einem beliebten Motorradtreff entwickelt hat.

 

Trentino – Lombardei – Gardasee

Mit der Überfahrt des Vallespass war ich nun im Trentino. Endziel des Tages war Trient, wo ich ein nettes Bed & Breakfast entdeckt hatte, in dem die Besitzerin mir sogar ihren eigenen, abgeschlossenen Stellplatz für mein Motorrad überlassen hat. Bis dahin konnte ich aber noch eine angenehme, stellenweise durchaus kurvenreiche Strecke bei bestem Wetter genießen.

Nach einer erholsamen, absolut ruhigen Nacht hatte ich mir gleich zu Anfang des neuen Tages eine richtig schöne, leider aber auch bei der Routenplanung gerne übersehene Strecke ausgesucht. Von Norden kommend zielten die CB und ich auf die berühmte Kaiserjägerstraße (strada dell‘ alpini) als besonderes Bonbon mit sehr schönen Ausblicken u.a. auf den Coldonazzo- und den Levico-See. Angelegt durch die österreichischen Kaiserjäger im 1. Weltkrieg hat die durchgehend asphaltierte Strecke aufgrund der engen Tunnel und „netten“ Spitzkehren einen eigenen Eintrag in der Liste der  „dangerousroads – the world’s most spectacular roads„.

Von hier aus war geplant, zügig den Gardasee zu erreichen. Dazu führte die Route zunächst ins Etschtal und von dort via Aldeno zum Passo Bordala und Passo Santa Barbara. Beides sind kleinere, nur begrenzt interessante Pässe. Der Passo Santa Barbara liegt jedoch in unmittelbarer Nähe zum Gardasee und bietet die Möglichkeit, bei der Abfahrt nach Westen über kleine und kleinste, durchaus kurvenreiche Straßen mit ca. 1000 m Höhenunterschied einen sehr schönen Blick über den Gardasee zu erhalten, sofern der Wald diesen nicht blockiert.

Von Norden kommend führte der Weg erst am Westufer entlang, dann auf der SP115 steil auf die Hochebene bis nach Tremosine sul Garda und weiter auf der SP 38 zur engeingeschnittenen Brasa Schlucht. Die Fahrt durch die hohen, enganliegenden Felswände ist ein Erlebnis, dass man unbedingt mitnehmen muss. Allerdings sind verkehrsarme Zeiten dringend zu empfehlen

Zurück auf der Uferstraße, die leider immer wieder durch Tunnel geführt wird, mussten wir dann noch bis Garnana, bevor die Rettung vor den PKW in Form der nahezu völlig einsamen SP9 zum Stausee Lago di Valvestino nahte. Lediglich zwei weitere Motorradfahrer waren mit mir dort unterwegs – unverständlich, da die kurvenreiche Bergstraße als ausgesprochene Motorradstrecke gilt.

Nach wenigen Kilometer auf der landschaftlich schönen Uferstraße des Sees führt der Passo di San Rocco über eine kurvenreiche Abfahrt zur Südseite des Idrosee (Lago d’Idro). Von hier wollte ich eigentlich über eine weitere kurvenreiche Strecke (SP56) nach Vestone. Leider war diese jedoch auf halber Strecke gesperrt und ich musste die langweiligere Route über Lavenone wählen. Dies war zum Glück aber nur ein minimale Spaßbremse, da ab Vestone die SP50 eine häufig bewaldete aber kurvenreiche Fahrt über den Passo del Termine und den Passo del Santellone sowie später weiter südlich in Richtung Po-Ebene über den Passo dei Tre Termini inklusive einer schönen Sicht auf den Lago d’Iseo bietet.

Der Abschluss zwischen Bergamo und Brescia hindurch war fahrerisch dann nicht mehr so spannend und es schlossen sich erstmal einige Tage Mailand ohne Motorrad an. Nicht vorenthalten möchte ich jedoch das Kunstwerk, das auf dem Platz vor der Mailänder Börse aufgestellt wurde 🙂

Dieses wurde von Maurizio Cattelan entworfen und wird lokal nur L.O.V.E. genannt, was für Libertà, Odio, Vendetta, Eternità (Freiheit, Hass, Rache und Ewigkeit) stehen soll. Die abgeschnittenen Finger symbolisieren wohl die Finger einfacher Leute, „die von den dort arbeitenden Unternehmern „abgeschnitten“ wurden“ (Quelle).

Heim nach Norden

Für die Rückreise hatte ich bestes Wetter gebucht und bekommen. Nach der Flucht aus dem städtischen Chaos Mailands ging es nach dem Mittagessen ganz gemütlich und vor allem ohne die ansonsten notorisch die Straßen verstopfenden Touristen das gesamte Westufer entlang des Comer See nach Norden bis Chiavenna. Von hier und später am Lago di Montespluga vorbei wartete das Highlight des späten Nachmittags auf mich, der Splügenpass (Passo dello Spluga). Die Südrampe ist interessant und war vor allem zu dem Zeitpunkt als nahezu einsame Strecke im Sonnenuntergang so richtig zu genießen. Die beiden Kurvengruppen der Nordrampe sind fahrerisch aber dann nochmals höher zu werten. In Summe 72 Kehren purer Fahrspaß. Beim Sufnersee hatte ich ein kleines Hotel (Hotel Seeblick) vorgebucht und konnte einen gemütlichen Abend genießen.

Das Wetter war am nächsten Tag nochmals besser und ich hatte deutlich über 20°C und einen strahlend blauen Himmel. Auf der Agenda stand unmittelbar nach dem Start die Fahrt durch die Roflaschlucht. Aufgrund der in der Nähe verlaufenden Autobahn ist diese Strecke außerhalb der Touristensaison absolut leer und mein Genuss ob der gebotenen Landschaft und Kurven wurde von keinem PKW gestört.

Über Thusis, Lenzerheide und Chur führte die Route dann bis nach Vaduz. Bei meinem letzten Besuch dort hatte ich die kleine, teilweise enge und an manchen Stellen kurvenreiche Bergstraße nach Malbun ausgelassen – ein Fehler, den ich nun korrigieren konnte. Die Aussicht auf der Strecke in das Tal und die Streckenführung sind wirklich schön.

So langsam wurde es dann aber auch wieder Zeit nach Norden zu kommen. Daher musste ich im weiteren Verlauf auf Eskapaden und Umwege verzichten und zwar auf Landstraßen getreu dem Credo „keine Autobahn“ aber dennoch ziemlich direkt am Bodensee vorbei und wieder zurück nach Deutschland fahren. Immerhin konnte ich dabei die Farben des Herbstes geniessen.

In der Retroperspektive war das ganze schlicht eine geile Idee in Kombination mit viel Glück: 6 Fahrtage, ca. 2.700 km Distanz und je ca. 51 Höhenkilometer auf und ab bei weitestgehend bestem Wetter – die Herbsttour „Dolomiten und mehr“ war ein gelungener Abschluss einer hervorragenden Saison 2018.

 

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5 Responses to Dolomiten und mehr – Eine Herbsttour

  1. Susy sagt:

    Wenn ich die Fotos sehe, könnte ich direkt los! Obwohl wir schon ein paar Mal dort getourt sind, hab ich tatsächlich was Neues erfahren. Danke für’s Horizonterweitern und „Mitnehmen“ 😉
    LG
    Susy

  2. Sangalaki sagt:

    Tolle Tour, die hätte mir auch gefallen!

    Wenn du das nächste mal an der Rofflaschlucht bist, lauf die mal hinter zum Rofflafall.
    das sind nur 5 Gehminuten. Der Eintritt lohnt sich! Helm usw. kannst du im Lokal lassen 😉

  3. Maxmoto sagt:

    Herzlichen Glückwunsch zum Planen und vor allem zur Umsetzung, denn beides halte ich für perfekt. Du hast in 6 Fahrtagen auf 2.700km nichts ausgelassen und dabei das Wetterglück voll ausgekostet.
    Ich weiß nicht, ob es Dich interessiert, aber, wenn ich das nächste Mal ins Martelltal fahre, werde ich am Ende ein paar Meter zu Fuß gehen, weil ich mir die Ruine es ehemaligen Luxushotels “ Lindenhof / Paradiso anschauen möchte.
    http://www.lindenhof.it/blog/kultur/luxus-alter-zeiten-im-hotel-paradiso-im-martelltal/
    https://www.google.com/search?q=hotel+lindenhof+martelltal&client=firefox-b-d&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwigrpX6jYfiAhWDAmMBHYHsD7YQ_AUIDygC&biw=1876&bih=961#imgdii=XjlucIcidl7ANM:&imgrc=eT2J93VVtIcwGM:
    https://www.google.com/maps/place/39020+Martell,+S%C3%BCdtirol,+Italien/@46.4903971,10.6873649,1821m/data=!3m1!1e3!4m5!3m4!1s0x4782e462f3a60f37:0x407098715913300!8m2!3d46.5339136!4d10.7362558
    Sollte das ein Tipp für Dich gewesen sein, dann war’s mein „Dankeschön“ für Deinen lustmachenden Reisebericht.
    Maxmoto

    • Thorsten sagt:

      Hallo Maxmoto,

      sorry für die lange Antwortdauer. Irgendwie hat der SPAM-Filter (völlig ungerechtfertigt) zugeschlagen.
      Es freut mich, daß Dir der Beitrag gefallen hat und Du die Tour gut findest. SDie hat auch richtig Spaß gemacht.
      Noch kann ich es leider nicht genau sagen, aber ich versuche dieses Jahr nochmal was ähnliches.
      Daher auch meinen herzlichen Dank für Deinen Tipp – den habe ich mir vorgemerkt 🙂

      Viele Grüße
      Thorsten

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